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Theodor W. Adorno

 

     


Theodor W. Adorno

Theodor Ludwig Wiesengrund-Adorno (* 11. September 1903 in Frankfurt am Main; † 6. August 1969 in Visp, Schweiz) war ein deutscher Philosoph, Soziologe, Musiktheoretiker und Komponist.

Leben und Werk

Theodor W. Adorno war bereits als junger Musikkritiker und noch als Ordinarius der Soziologie vor allem ein philosophischer Kopf. Als Komponist blieb er stets der Schüler seines Lehrers Alban Berg. Die Titulierung Sozialphilosoph hebt im Falle Adornos auf den gesellschaftskritischen Schwerpunkt seines Philosophierens ab, dem eine nach 1945 intellektuell führende Rolle im Frankfurter Institut für Sozialforschung entsprach.

Die vorstehende Kurzcharakteristik hat einen Beleg in folgender Selbstbeschreibung Adornos (1965 gegenüber Max Horkheimer). Danach sei er,
nach Herkunft und früher Entwicklung, Künstler, Musiker, doch beseelt von einem Drang zur Rechenschaft über die Kunst und ihre Möglichkeit heute, in dem auch Objektives sich anmelden wollte, die Ahnung von der Unzulänglichkeit naiv ästhetischen Verhaltens angesichts der gesellschaftlichen Tendenz.

Frühe Frankfurter Jahre (1903-21)

Die Eltern des Einzelkinds Theodor ("Teddie") waren der Weingroßhändler Oscar Alexander Wiesengrund (1870-1946, jüdischer Abstammung, zum Protestantismus übergetreten) und die Sängerin (und Katholikin) Maria Barbara, geb. Calvelli-Adorno (1865-1952) - daher der später gewählte Hauptname Adorno ("Wiesengrund" mit "W." abgekürzt). Im Elternhaus wohnte auch deren ebenso musikalische Schwester Agathe. Vor allem am vierhändigen Klavierspiel beteiligte sich der Junge von klein auf mit Leidenschaft. Ein Übriges zum Glück der Kindheit tat die alljährliche "Sommerfrische" der Familie in Amorbach (Odenwald). Am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium wusste das Wunderkind zu glänzen: Bereits mit 17 Jahren machte er das Abitur als "bester von allen". Neben der Schule hatte er (bei Bernhard Sekles) Privatunterricht in Komposition genommen (1923 Aufführung eines eigenen Streichquartetts) und sich an vielen Samstagnachmittagen gemeinsam mit dem 14 Jahre älteren Freund Siegfried Kracauer in eine wissenssoziologische Lektüre von Kants "Kritik der reinen Vernunft" vertieft.

"Nicht im leisesten übertreibe ich, wenn ich sage, dass ich dieser Lektüre mehr verdanke als meinen akademischen Lehrern." An der ebenfalls heimischen (später nach Goethe benannten) Universität (http://www.innovationsreport.de/html/profile/profil-366.html) belegte er ab 1921 Philosophie, Musikwissenschaft, Psychologie und Soziologie. Das Studium absolvierte der Frühreife zügig: Ende 1924 schloss er es mit einer Dissertation über Edmund Husserl "summa cum laude" ab. Inzwischen hatte er seine wichtigsten intellektuellen Weggefährten kennengelernt: Max Horkheimer und Walter Benjamin.

Wiener Intermezzo (1925-26)

Während der Frankfurter Studienzeit hatte Adorno sich mit zahlreichen Artikeln als Musikkritiker versucht. Hierin sah er seine künftige Profession. Dieses Ziel vor Augen, nutzte er die Beziehung zu Alban Berg, mit dessen Oper "Wozzeck" er 1924 bekannt geworden war, zu einem musikalischen "Aufbaustudium" an dessen Wirkungsstätte (ab Januar 1925). Sein Klavierspiel vervollkommnete Adorno bei Eduard Steuermann, dem maßgeblichen Pianisten der Zweiten Wiener Schule, der die meisten Klavierwerke Schönbergs uraufgeführt hat. Auch zu den beiden anderen Größen der Wiener Schule nahm er Tuchfühlung auf: zu Anton von Webern und Arnold Schönberg. Vor allem Schönbergs revolutionäre Atonalität regte den 22-Jährigen zu philosophischen Betrachtungen über die "Neue Musik" an, die bei deren Protagonisten allerdings nicht verfingen.

Diese Enttäuschung brachte es mit sich, dass er nach und nach seine Ambitionen in Sachen Musikkritik zugunsten einer Laufbahn als akademischer Lehrer und Sozialforscher zurückschraubte. (Von 1928 bis 1931 war er immerhin noch leitender Redakteur der Avantgarde-Zeitschrift "Anbruch".) Ohnehin war für seine Konzert- und Opernbesprechungen von früh an der philosophische Anspruch charakteristisch. - Außerdem stand die Wiener Zeit unter dem Eindruck von Karl Kraus, dessen Vorlesungen er zusammen mit Alban Berg besuchte, und von Georg Lukács, dessen "Theorie des Romans" bereits den Abiturienten begeistert hatte. Mit dem Prager Schriftsteller und Musiker Hermann Grab verband Adorno eine enge Freundschaft.

Mittlere Frankfurter Jahre (1926-33)

Zurück aus Wien, blieb Adorno zunächst ein weiterer Misserfolg nicht erspart: Eine umfangreiche philosophisch-psychologische Abhandlung, gegen die der Doktorvater Hans Cornelius und auch dessen Assistent Max Horkheimer Bedenken hatten, zog er daraufhin Anfang 1928 als Habilitationsschrift zurück. Erst drei Jahre später sollte er die (1933 von den Nationalsozialisten aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April entzogene) "Venia legendi" mit dem Manuskript "Kierkegaard - Konstruktion des Ästhetischen" erhalten, das er bei Paul Tillich einreichte. Seine Antrittsvorlesung als Privatdozent (Mai 1931) handelte von der "Aktualität der Philosophie"; Adorno selber hat diese Arbeit später nicht mehr erwähnt, aus seinem Nachlaß zum erstenmal gedruckt, erwies sie sich als programmatisch für sein späteres Gesamtwerk. Er stellte darin erstmals ausdrücklich den Begriff der Totalität in Frage, was auf seine berühmt gewordene - gegen Hegel gewendete - Formel "Das Ganze ist das Unwahre" (aus den "Minima Moralia") vorausdeutete. Zu seinen ersten Lehrveranstaltungen gehörte dann ein Seminar über Benjamins Abhandlung "Ursprung des deutschen Trauerspiels". 1932 war der Aufsatz "Zur gesellschaftlichen Lage der Musik" sein Beitrag zum ersten Heft der "Zeitschrift für Sozialforschung", die Horkheimer herausgab; in dessen "Institut" sollte er jedoch erst 1938 eintreten.

Pendler zwischen Berlin und Oxford (1934-37)

Seit den späten Zwanziger Jahren schon hatte Adorno während mehrerer Berlin-Aufenthalte außer zu Benjamin engeren Kontakt zu Ernst Bloch gepflegt, dessen erstes Hauptwerk "Geist der Utopie" er bereits 1921 kennengelernt hatte, und später heftig kritisierte. Noch anziehender war ihm die deutsche Hauptstadt wegen der promovierten Chemikerin Margarete ("Gretel") Karplus (1902-1993) geworden, die er 1937 in London heiraten sollte. 1934 emigrierte er nach England, um sich in Oxford nochmals zu habilitieren [und wohl vor allem um vor den Nazis aus Deutschland zu fliehen...]. Dazu kam es zwar nicht mehr, aber als Postgraduierter betrieb er erstmals ein eingehendes Studium der Philosophie Hegels. Außerdem ließ er es sich nicht nehmen, die Sommerferien Jahr für Jahr bei seiner Verlobten in Deutschland zu verbringen. 1936 erschien in der "Zeitschrift" einer seiner umstrittensten Arbeiten überhaupt: "Über Jazz". Es handelte sich dabei jedoch weniger um eine Auseinandersetzung mit dieser besonderen Musikrichtung als um eine erste grundsätzliche Polemik gegen die gerade aufkommende Unterhaltungs- und Kulturindustrie. Der in dieser Zeit intensive briefliche Kontakt mit dem im amerikanischen Exil lebenden Horkheimer mündete in dessen Angebot einer existenzsichernden wissenschaftlichen Tätigkeit jenseits des Atlantiks.

Emigrant in den USA (1938-49)

Nach einem ersten New-York-Besuch 1937 entschloss er sich zur Übersiedlung. In Brüssel nahm er Abschied von den Eltern, die 1939 nachkamen, und in San Remo von Walter Benjamin, der in Europa zurückblieb, mit dem der Gedankenaustausch anschließend jedoch in brieflicher Form kulminierte. Kurz nach der Ankunft in New York nahm ihn Horkheimers "Institut" als offizielles Mitglied auf. Die erste Arbeit bestand in der Leitung eines Hörfunk-Forschungsunternehmens (Radio Research Project) zusammen mit dem österreichischen Soziologen Paul Lazarsfeld. Schon bald verlagerte sich die Aufmerksamkeit jedoch auf die direkte Zusammenarbeit mit Horkheimer, die 1941 mit dem gemeinsamen Umzug nach Los Angeles zum Ausdruck kam und 1944 zur ersten Fassung der "Dialektik der Aufklärung" führte, des Hauptwerks der Kritischen Theorie. Angesichts der Shoah, der industriell organisierten Vernichtung der europäischen Juden, versuchten die Autoren, eine Geschichtsphilosophie der Gesellschaft nach Auschwitz zu entwickeln, die die bislang für sie gültige marxistisch-dialektische Lehre ablösen sollte. Das Buch beginnt mit den Worten:
Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.

Was in Ausschwitz und in den anderen Vernichtungslagern geschehen war, bedeutete für Adorno und Horkheimer nicht weniger als den Zusammenbruch der bisherigen Kultur; auch Philosophie konnte nicht länger betrieben werden wie bisher. "Ungewiß, ob Philosophie, als Tätigkeit des begreifenden Geistes, überhaupt noch an der Zeit sei. Für Kontemplation scheint es zu spät. Was in seiner Absurdität zutage liegt, sträubt sich gegens Begreifen." So kulminiert die "Negative Dialektik", Adornos erst nach seiner Rückkehr verfaßtes Spätwerk, denn auch in der Aufstellung eines neuen kategorischen Imperativs, den "Hitler den Menschen aufgezwungen" habe: "Ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe."

Seit 1945 betätigte Adorno sich nicht mehr als Komponist. Damit entsprach er auf eigene Weise seinem so harten wie berühmten Wort: "Nach Auschwitz noch ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch." In Sachen Musik war er von Thomas Mann gebeten worden, ihn bei seinem Roman über "das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn" ("Doktor Faustus") fachlich zu beraten. Außerdem arbeitete er in den 40er Jahren an seiner "Philosophie der neuen Musik" und zusammen mit Hanns Eisler an beider gemeinsamer "Komposition für den Film". Nicht unerwähnt bleiben darf schließlich die von mehreren Forschungsinstituten durchgeführte Untersuchung des - vor allem antisemitischen- Vorurteils ("Studies in Prejudice"), die unter anderem durch indirekte Fragen (F-Skala) an die Versuchspersonen deren "autoritären Charakter" aufdeckte. Adornos Beitrag bestand vor allem in "qualitativen Interpretationen".

Späte Frankfurter Jahre (1949-69)

Nach dem Krieg zögerte der von Heimweh Geplagte die Rückkehr nach Deutschland nicht allzu lange hinaus. In Frankfurt bot sich ihm dank Horkheimers Einfluss die Möglichkeit einer außerplanmäßigen Professur, die er 1949/50 wahrnahm und womit sich nach langer Unterbrechung eine akademische Laufbahn fortsetzte, die 1956/57 in der Stellung als zweifacher Ordinarius (Philosophie und Soziologie) gipfelte. Im der Universität angeschlossenen Institut wurde Adornos Führungsposition immer eindeutiger, da sich der acht Jahre ältere Horkheimer mehr und mehr zurückzog und dem Jüngeren schließlich 1958/59 das alleinige Direktorat überließ. Zu einem höheren Bekanntheitsgrad im Nachkriegsdeutschland trug zunächst die Aphorismensammlung "Minima Moralia" bei, die 1951 in dem soeben gegründeten Verlag von Peter Suhrkamp veröffentlicht wurde und die "traurige Wissenschaft" ausführte, die unter dem Eindruck der "drei Höllen: Faschismus, Stalinismus und Kulturindustrie" (Rüdiger Safranski) keine Alternative mehr zuzulassen schien: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Trotz dieses pessimistischen Befunds war das Pensum enorm, das Adorno sich auflud und zu einer herausragenden intellektuellen Gründergestalt der westdeutschen Republik werden ließ, nachdem 1953 ein letzter Versuch, ihn längerfristig an Forschungsvorhaben in den USA zu binden, gescheitert war.

Hier eine Auflistung seiner vielseitigen Engagements:

• 1952 Beteiligung an einem "Gruppenexperiment" (Darmstädter "Gemeindestudien"), das nationalsozialistische Restbestände bei den demokratisierten Deutschen offenlegte (kritisch kommentiert von Peter R. Hofstätter)
• Ab 1954 musikwissenschaftliche Lehrtätigkeit bei den Sommerakademien in Kranichstein
• Zahlreiche Rundfunkgespräche (u.a. mit Ernst Bloch, Elias Canetti und Arnold Gehlen)
• Zahlreiche Vorträge in Berlin und im europäischen Ausland (Paris, Wien, Italien, 1959 auf der Kasseler "documenta", 1968 in der Tschechoslowakei)
• Herausgabe der Schriften und Briefe Walter Benjamins
• 1961 Anstiftung des "Positivismusstreits" auf einer Arbeitstagung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Tübingen
• Ab 1963 Amtspflichten als Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
? 1964 Leitung des 15. Soziologentags über "Max Weber und die Soziologie heute"
? 1968 Leitung des 16. Soziologentags zur Frage "Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?"

"Nebenbei" verfasste er eine Fülle eigener Schriften (in Klammern die Bandnummern der zwanzigbändigen Suhrkamp-Ausgabe von 1970 bis 1986):

• Zur Metakritik der Erkenntnistheorie (Bd. 5)
• Negative Dialektik und Jargon der Eigentlichkeit (Bd. 6)
• Ästhetische Theorie (Bd. 7)
• Soziologische Schriften (Bd. 8/9)
• Kulturkritik und Gesellschaft (Bd. 10)
• Noten zur Literatur (Bd. 11)
• Musikalische Monographien (Bd. 13)
• Einleitung in die Musiksoziologie und Dissonanzen (Bd. 14)
• Musikalische Schriften (Bd. 16/17/18/19)
• Vermischte Schriften (Bd. 20)
• Nachgelassene Schriften
? Beethoven. Philosophie der Musik
? Zu einer Theorie der musikalischen Reproduktion
? Current of Music. Elements of a Radio Theory (noch unveröffentlicht)

Darüber hinaus sind seine Vorlesungen, Briefe und Kompositionen überliefert.

Letzter Akt (1967-69)

1966 kam es gegen die Große Koalition von CDU/CSU und SPD zur Bildung einer "Außerparlamentarischen Opposition (APO)", die vor allem gegen die von der neuen Regierung geplanten Notstandsgesetze zu Felde zog. Auch Adorno gehörte zu den Kritikern dieser Politik (1968 Teilnahme an Veranstaltung des Aktionskomitees "Demokratie im Notstand"). Als am 2. Juni 1967 bei einer Berliner Demonstration gegen den Schah-Besuch der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wurde, begann sich die linksgerichtete APO zu radikalisieren, und vor allem an den Universitäten probte man den Aufstand. So wurde gerade auch Adorno zur Zielscheibe studentischer Aktionen; etwa indem Studentinnen seine Vorlesung zu stören versuchten, indem sie mit nackten Brüsten das Podium besetzten. Es waren nicht zuletzt Schüler Adornos, die den Geist der Revolte repräsentierten und derart "praktische" Konsequenzen aus der "Kritischen Theorie" zogen. Die Köpfe der Frankfurter Schule waren jedoch bei aller Sympathie nicht bereit, den studentischen Schein-Aktivismus zu unterstützen. Umgekehrt sahen Adorno und Horkheimer sich Vorwürfen von rechts ausgesetzt, zu den geistigen Urhebern linker Gewalt zu gehören. 1969 nahmen die Störungen im Hörsaal in einem Maße zu, dass Adorno seine Vorlesung einstellen mußte. Als im Januar einige Studenten in das Institut für Sozialforschung eingedrungen waren, um über die politische Situation zu diskutieren, riefen Adorno und Ludwig von Friedeburg, die Institutsdirektoren, die sich immer gegen den Polizei- und Überwachungsstaat gestellt hatten, schlicht die Polizei und zeigten die Besetzer an.

Über die letzten Tage des "mit dem Rücken zur Wand" Stehenden heißt es in der 2003 erschienenen Adorno-Biographie von (Stefan Müller-Doohm).
Den Zustand, in dem sich Adorno im Frühsommer 1969 befand, bezeichnete er selbst als desolat. Ohnehin schon extrem erschöpft, tat er mehr, als er verkraften konnte. Zu der üblichen "totalen Überarbeitung" kam die nicht enden wollende Qual sich im Kreise drehender Diskussionen und Auseinandersetzungen mit den radikalen Studenten, die sich ihn, die Koryphäe der Kritischen Theorie, nicht zuletzt aus Gründen der Medienwirksamkeit ausgesucht hatten. Adorno musste nicht nur Feindseligkeit und offenen Hass über sich ergehen lassen, wobei er überzeugt war, dass sie sich gegen ihn als Theoretiker richteten. Vielmehr verfolgte ihn auch der Alptraum, dass die politische Gesamtsituation von heute und morgen in Totalitarismus umschlagen könne. In seinem letzten, zunächst handschriftlich verfassten Brief, den er am 26. Juli an [Herbert] Marcuse schrieb, dessen maschinenschriftliche Fassung diesen jedoch erst am 6. August erreichte, sprach er von sich selbst als "einem schwer ramponierten Teddie".

In dieser desolaten Verfassung fuhren Adorno und seine Frau in die Schweiz, wo er bei ausgedehnten Spaziergängen stets den Ausgleich zu finden pflegte, dessen er nun mehr denn je bedurfte. Am Dienstag, dem 22. Juli, fuhr das Ehepaar in Richtung Zermatt, um im Hotel "Bristol" die Ferienwochen zu verbringen. Wenige Tage nach der Ankunft im bekannten, 1600 Meter hoch gelegenen Schweizer Urlaubsort im Kanton Wallis am Fuße des Matterhorn unternahm Adorno am 5. August mit Gretel, trotz eindringlicher Ermahnungen seines Hausarztes und Herzspezialisten Doktor Sprado, alle körperlichen Anstrengungen zu vermeiden, einen Ausflug auf einen 3000 Meter hoch gelegenen Gipfel, der mit der Seilbahn erreichbar war. Auf der Höhe setzten erstmals Herzbeschwerden ein, die ihn zur Rückkehr in den Ort zwangen. Noch am selben Tag fuhren sie dann in die talwärts gelegene, etwa 30 km entfernte Stadt Visp. Adornos Bergstiefel hatten ein Loch, das er reparieren lassen wollte. Im Schuhladen stellten sich erneut Herzbeschwerden ein. Aus diesem Grund wurde er zur Sicherheit in die Klinik der Kleinstadt gebracht. Gretel Adorno fuhr gegen Abend zurück ins Hotel. Als sie am nächsten Tag, am 6. August, ihren Mann im Krankenhaus St. Maria mit Lesestoff versorgen wollte, musste sie miterleben, wie er am Vormittag gegen 11.20 Uhr plötzlich einem Herzinfarkt erlag. Er wäre am 11. September 66 Jahre alt geworden.

Nachgeschichte

Adorno hat zumindest im institutionellen Sinn keine "Schule" zu bilden vermocht, obwohl es ihm an teilweise hochbegabten Schülern nicht gemangelt hat. Sein Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie wurde nach seinem Tod sogleich aufgeteilt und mit Wissenschaftlern besetzt, die eher Adorno entgegengesetzte Positionen vertraten. Schnell zerfiel auch das Institut für Sozialforschung und wurde zu einem an Theorie fast völlig desinteressierten, rein empirisch ausgerichteten Forschungsinstitut gleich zahlreichen anderen.

Das schriftstellerische Werk Adornos wurde von seinem Schüler Rolf Tiedemann bald in umfangreichen Ausgaben gesammelt: den "Gesammelten Schriften" (1970 ff.) und den "Nachgelassenen Schriften" (1993 ff.), die im Frankfurter Suhrkamp Verlag erschienen. Heinz-Klaus Metzger, zwar kein Adorno-Schüler im engeren Sinn, aber ihm doch eng verbunden, gab gemeinsam mit Rainer Riehn Adornos "Kompositionen" in 2 Bänden in der Münchner edition text + kritik heraus (1981), Maria Luisa Lopez-Vito die der "Klavierstücke" (2001). 1985 wurde von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur das "Theodor W. Adorno Archiv" in Frankfurt a.M. gegründet, in dem der wissenschaftliche und künstlerische Nachlaß Adornos mit dem Nachlaß Walter Benjamins vereinigt werden konnte. Das Archiv wurde von 1985 bis 2002 von Rolf Tiedemann aufgebaut und geleitet, der auch die Reihe "Frankfurter Adorno Blätter", die Erstdrucke Adornoscher Texte mit Diskussionsbeiträgen zu seinem Denken vereinigte, und die "Dialektische Studien" herausgab, in denen unzugängliche und neuere Arbeiten aus der Schule bzw. dem Geist Adornos publiziert wurden. 2004 wurde der Benjamin-Nachlaß aus dem Theodor W. Adorno Archiv wieder ausgegliedert und in der Archivabteilung der Berliner Akademie der Künste deponiert; der Adorno-Nachlaß domiziliert inzwischen im Frankfurter Institut für Sozialforschung.

Zu Adornos engerem Schülerkreis gehörten Kurt H. Mautz, Karl Heinz Haag, Rainer Köhne, Hermann Schweppenhäuser, Rolf Tiedemann, Alfred Schmidt, Günther Mensching, Elisabeth Lenk, Peter Gorsen, Peter Bulthaup, Hans-Jürgen Krahl u.a.

Kritische Würdigung

Die Frage der Aktualität einer Theorie, die sich massiv auf die Gesellschaftsverhältnisse ihrer Zeit bezieht, ist eine schwierige. Zumal diese Theorie nach dem Tod ihrer Hauptakteure nur noch langsam und vor allem in andere Richtungen weiterentwickelt wurde. Dennoch kann man die Aktualität konstatieren, obwohl sich die Gesellschaft massiv weiterentwickelt hat. Sie hat sich nämlich in die Extreme entwickelt, die Adorno in seinen Texten beschrieb. Vor allem Adornos Thesen zu Themen der Vergangenheit (Auschwitz), Moral (ein zeitloses Thema) oder zur Kulturindustrie sind Beispiele dafür. Letztere hat sich ja seit Adornos Tod zumindest dem Anschein nach viel mehr zu dem entwickelt, was Adorno schon damals im Kleinen erkannte.

Darzustellen ist auch die Frage nach einer Kritik an der Theorie Adornos. Selbstverständlich, so wie in beinahe jeder Wissenschaft, vor allem in einer so abstrakten wie der Sozialphilosophie, gibt es nicht nur Befürworter dieser Theorie. Es wäre auch nicht im Sinne Adornos, etwas in den Raum zu stellen, ohne den Gegenargumenten ebenso Raum zu lassen, denn es ist anzunehmen, dass das in sich ja schon auf die Methode des dialektischen Materialismus und der Hegelschen Dialektik fundierte Werk Adornos auch mit diesen Methoden weiter zu entwickeln ist.

Die Kritik an Adornos Arbeit kommt meist ebenso wie die Kritische Theorie selbst von Marxisten. Andere Kritiker sind etwa Ralf Dahrendorf oder Karl Raimund Popper und die Positivisten. Die Marxisten werfen den kritischen Theoretikern vor, den Anspruch zu stellen, "das Erbe der von Hegel über Marx verlaufenden Tradition kritischer Philosophie" zu vertreten, ohne sich dem Marxschen Praxiskonzept verpflichtet zu fühlen.

Nach Horst Müllers "Kritik der Kritischen Theorie" stellt Adorno in vielen Aspekten, in denen er über die Totalität schreibt, diese schon als automatisches System dar. Das scheint in der Tat die Absicht Adornos gewesen zu sein, der in der Gesellschaft ein sich selbst regulierendes System sah, aus dem es zu flüchten galt. Es war für ihn existent, aber nicht menschenwürdig, während Müller entschieden bestreitet, dass ein solches System besteht; vielmehr seien nur Einzelfälle derart verblendet.

Müller stellt in seiner Argumentation darauf ab, dass die Kritische Theorie kein praktisches Mittel biete, die Gesellschaft zu verändern. So kommt er zu dem Schluss, dass vor allem Jürgen Habermas, aber auch die anderen Vertreter der Frankfurter Schule Marx verfälscht hätten.

Sekundärliteratur

• Detlev Claussen, Theodor W. Adorno. Ein letztes Genie. Frankfurt a.M. 2003. ISBN 3 100 108132
• Detlev Claussen, Abschied von gestern. Kritische Theorie heute, Bremen 1986
• Detlev Claussen, "Nach Auschwitz. Ein Essay über die Aktualität Adornos", in: Dan Diner (Hrsg.), Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz, Frankfurt a.M. 1988, S. 54 ff.
• Hermann Schweppenhäuser, "Das Individuum im Zeitalter seiner Liquidation. Über Adornos soziale Individuationstheorie"; ders., "Spekulative und negative Dialektik", in: Hermann Schweppenhäuser, Vergegenwärtigungen zur Unzeit? Gesammelte Aufsätze und Vorträge, Lüneburg 1986, S. 42 ff. und S. 163 ff. ISBN 3-924245-03-5
• Karsten Fischer, "Verwilderte Selbsterhaltung". Zivilisationstheoretische Kulturkritik bei Nietzsche, Freud, Weber und Adorno. Berlin 1999. ISBN 3-05-003464-5
• Rolf Tiedemann, "Begriff, Bild, Name. Über Adornos Utopie der Erkenntnis." Frankfurter Adorno Blätter II, München 1993, S. 92 ff.
• Hermann Schweppenhäuser, "Aspekte eines aufgeklärten Kunstbegriffs." Frankfurter Adorno Blätter II, München 1993, S. 112 ff.
• Peter Schünemann, "Paideia. Kindheitszeichen bei Adorno." Frankfurter Adorno Blätter II, München 1993, S. 129 ff.
• Jan Philipp Reemtsma, "Nicht Kösteins Paradox. Zur Dialektik der Aufklärung." Frankfurter Adorno Blätter IV, München 1995, S. 93 ff.
• Peter Decker, "Die Methodologie kritischer Sinnsuche - Systembildende Konzeptionen Adornos im Lichter der philosophischen Tradition", 1982.
• Eckart Goebel, "Das Hinzutretende. Zur Negativen Dialektik." Frankfurter Adorno Blätter IV, München 1995, S. 109 ff.
• Rolf Tiedemann, "Gegenwärtige Vorwelt. Zu Adornos Begriff des Myzhischen (I)." Frankfurter Adorno Blätter V, München 1998, S. 9 ff.
• Heinz-Klaus Metzger, "Mit den Ohren denken. Zu einigen musikphilosophischen Motiven bei Adorno." Frankfurter Adorno Blätter VII, München 2001, S. 37 ff.
• Robert Hullot-Kentor, "Die Philosophie der Dissonanz : Adorno und Schönberg." Frankfurter Adorno Blätter VII, München 2001, S. 46 ff.
• René Leibowitz, "Der Komponist Theodor W. Adorno." Frankfurter Adorno Blätter VII, München 2001, S. 55 ff.
• Rolf Tiedemann, "Adorno, Philosoph und Komponist. Bei Gelegenheit seiner Klavierstücke." Frankfurter Adorno Blätter VII, München 2001, S. 63 ff.
• Rolf Tiedemann, "Auch Narr! Auch Dichter! Zu einem Singspiellibretto Adornos." Frankfurter Adorno Blätter VII, München 2001, S. 146 ff.
• Joachim Fest: Begegnungen, darin im Kapitel Golo Mann von diesem und von Fest einige sehr kritische Sätze zu Adorno und Max Horkheimer (das Dioskurenpaar).
• Stefan Müller-Doohm: Adorno. Frankfurt a.M., 2003

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